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150 Jahre Evangelischer Kirchenchor St. Ingbert

1866 findet sich im Pfarrbericht des ersten evangelischen Pfarrers, Ernst Krieger, folgende Notiz: “Ein Zeichen regen kirchlichen Sinnes ist die Bildung eines Kirchenchores aus jungen Männern und Burschen in St. Ingbert”.

Anfang 1867 hatte dieser Männerchor bereits einen Gastauftritt zur Einweihung der Evangelischen Kirche in Ensheim, damals eine Dependance von St. Ingbert, wohin man sich noch zu Fuß aufmachte.

1881 – ein Jahr nach Gründung des „Ev. Kirchengesangvereins für die Pfalz“ am 1. November 1881 durch Jakob Heinrich Lützel (1823-1899) mit Pfarrer Krieger im Vorstand – wurde der Chor zu einem gemischten Chor mit Frauenstimmen erweitert. Die Zeitung schrieb dazu:

St. Ingbert, 7. Nov Gestern hat sich dahier ein protestantischer Kirchenchor gebildet. Derselbige hat sich die Pflege des kirchlichen Gesanges zur Aufgabe gesertzt und ist beabsichtigt, auch weibliche Kräfte zur Mitwirkung heranzuziehen. Hoffentlich findet das Unternehmen bei der Bevölkerung die erhoffte freundliche Beachtung und kann schon bald mit den Proben begonnen werden. - St. Ingberter Anzeiger, 07.11.1881

Anfangs wollte man nur die Gottesdienste an Feiertagen durch mehrstimmigen Gesang des Chores verschönern. Dazu bestellte der Chorleiter, der als Lehrer an der protestantischen Schule wirkte, zu Weihnachten und Ostern die Schulkinder zum Singen in den Gottesdienst. Doch bald kam man wöchentlich zu regelmäßigen Singstunden zusammen, anfänglich in einem Wirtshaussaal. Nach dem ersten Weltkrieg zählte man fast 70 Sängerinnen und Sänger, die mit ihrem Gesang zur Mitgestaltung des Gottesdienstes beitrugen. Zum 60. Jubiläum 1926 waren in der Mitgliederliste 23 Soprane, 14 Altstimmen, 10 Tenöre und 11 Bässe aufgeführt.

1934 übernahm Heinz Haag die Leitung des Kirchenchores. Die Bachkantaten „Jesu, meine Freude“, „Singet dem Herrn ein neues Lied“ und „Wir danken Dir, Gott“ sowie von Buxtehude „Lobet, Christen euren Heiland“ erklangen erstmals in St. Ingbert.

Nach einer durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Zwangspause trafen sich die Sänger 1946 wieder zum gemeinsamen Gesang und ersten kleinen Kirchenmusiken unter der Leitung von Lehrer Otto Trautmann.

Ein Jahr später richtete der Kirchenchor den Dekanatskirchenmusiktag in St. Ingbert aus und war auch Gast beim Landeskirchenmusiktag in Speyer. 1949 übernahm Heinz Haag wieder die Leitung des Chores.

Die nächsten 15 Jahre waren geprägt von regem Gottesdienstsingen, darunter erstaunlich zahlreichen Einsätzen in Rundfunkgottesdiensten. Mit einigen musikalischen Feiern trat der Chor an die Öffentlichkeit, so auch bei der Einweihung des Gemeindehauses 1964 oder der Orgel 1966.

1971 änderte der protestantische Kirchenchor St. Ingbert seinen Namen: aus ihm geht die Evangelische Kantorei St. Ingbert hervor. Neben dem Chorgesang im Gottesdienst kam nun verstärkt das konzertante Musizieren hinzu. In einem Abschiedskonzert am 1. Dezember 1973 mit  Bachkantaten beendete Heinz Haag eine 40 Jahre dauernde segensreiche Arbeit mit „seinem“ Chor.

Unter seinem Sohn Helmut Haag trat nun das konzertante Musizieren gleichrangig neben das Gottesdienstsingen, dabei wurden auch Kompositionen der Klassik und der Romantik aufgeführt.

1977 begann eine Phase der Zusammenarbeit mit katholischen Kirchenchören, besonders St. Konrad und St. Hildegard, die dann zu ökumenischen Chorgemeinschaften führte und in einer denkwürdigen Aufführung des Brahms-Requiems gipfelte. Dreimal erhielt die Kantorei eine Einladung zur Teilnahme an den Musikfestspielen Saar. Auch nahezu unbekannte Werke der St. Ingberter Komponisten Hans Simon und Erna Woll wurden unter ihrem Dirigenten Helmut Haag von der Kantorei zum Leben erweckt. St. Ingberter Erstaufführungen berühmter Werke der Kirchenmusik sind noch gut in Erinnerung: 1979 das Mozart-Requiem, 1983/1984 Bachs Johannes-Passion und Weihnachtsoratorium. Weitere erwähnenswerte Aufführungen sind Mendelssohn-Motetten, Mozart-Messen, Haydns „Stabat Mater“, die Petite Messe Solennelle von Rossini und Beethovens C-Dur-Messe. 1997 hatte die Kantorei ca. 80 Mitglieder.

Nach einer kurzen Interimszeit unter Chorleiter Everard Sigal übernahm 1999 Thomas Huck die Leitung der Evangelischen Kantorei für die kommenden 9 Jahre. Denkwürdige Aufführungen waren u.a. Bachs Johannes-Passion (2000), die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz (2000) und der „Messias“ von Georg Friedrich Händel (2001). 2003 folgte der „Elias“ von Mendelssohn, 2004 das Bach’sche Weihnachtsoratorium I-VI und 2005 Mozarts Requiem. Mendelssohns „Lobgesang“ wurde 2006 aufgeführt, 2007 folgten die „Psalmen Davids“ von Schütz. Daneben wurden zahlreiche Chorwerke aller gängigen Stilrichtungen aufgeführt.

2008 übernahm Helmut Haag wieder den Chor. Unvergessen die Aufführung von Haydns „Schöpfung“ zum 150jährigen Bestehen der Martin-Luther-Kirche 2009 unter seiner Leitung! 2010 folgte die „Geburt Christi“ (ein Weihnachtsoratorium von Heinrich von Herzogenberg), 2011 Haydns „Stabat Mater“ und die große Messe in D-Dur von Ethel Smyth, 16 Jahre nach ihrer deutschen Erstaufführung in St. Ingbert, ebenfalls unter Haags Leitung, 2012 Mozart-Requiem und zum Abschluss des Haag’schen Dirigats Bachs Johannes-Passion an Karfreitag 2013.

Carina Brunk übernahm 2013 die Leitung der Kantorei und hat seitdem, neben weltlichen Gesängen von Brahms, Schubert und Rheinberger, in Weihnachts- und Passionskonzerten zahlreiche (z.T. auch unbekannte) Kantaten (überwiegend aus der Barockzeit) einstudiert und aufgeführt. In bester Erinnerung sind das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saens (2014) sowie das Requiem c-moll von Luigi Cherubini und das „Schicksalslied“ von Johannes Brahms (2015). Zum Jubiläumsjahr 2016 standen wieder attraktive Chorwerke im Mittelpunkt, es wurden Regers Choralkantate "Oh Haupt voll Blut und Wunden" sowie Heinrich von Herzogenbergs "Die Geburt Christi" aufgeführt.